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MarkusN 01.08.2006 10:54:17

Erfahrungsbericht: Bremsscheibenschraube ausbohren.
 
Diesmal hat es mich auch erwischt. Hintere Bremsscheibe war fällig. Habe alle Schrauben mit dem Gasbrenner kräftig erhitzt. Trotzdem: Bei der zweiten, eine halbe Umdrehung war sie schon lose, KNACK!

Was mich zur schamlosen Aussage bringt: Suzukis Bremsscheibenbefestigungsschrauben sind unterdimensioniert. Zumindest für den Ausbaufall. Eine Schraube, die bloss vom Widerstand von bereits gelöstem Sicherungskleber im langen Gewinde überfordert ist, ist mindestens eine Festigkeitsklasse zu niedrig gewählt.

Anyway: Zum Glück habe ich ein mechanische Werkstatt in der Nähe. Nicht Motorrad oder KFZ, genereller Maschinenbau. Ich mit dem Rad dahin. Nachdem ich dem Inhaber klar gemacht habe, dass ich das Risiko für die Aktion voll übernehme, gingen wir auf die Fräsmaschine mit dem Rad.

Aufgelegt auf drei Flachstahlstücke auf der grossen Stirnfläche der Nabe, mit grosser Scheibe durch die Lagerbohrung runtergespannt. Sitzt schön fest und unverrückbar.

Zentrierbohrer ins Bohrfutter, von Auge ausgerichtet. Der Typ ist gut. Ich behaupte jetzt einfach mal, er hat das Zentrum auf einen zehntel genau getroffen. Anzentriert.

Dann mit 5 mm durchgebohrt: Ziel: Schraube schwächen, dass sie gegen den Widerstand des Gewindes zusammenfällt.

Linksausdreher angesetzt. Guter Trick, den ich dabei gesehen habe: Zentrierspitze im Bohrfutter (die Bohspindel steht immer noch geau über der Bohrung) von hinten ins Windeisen gesetzt stellt sicher, dass der Linksausdreher genau gerade sitzt.

Angesetzt, vorsichtig gedreht es knackt dreimal leise (wohl die Schraube, die gesprengt wird) aber es bewegt sich nichts.

Merke: Nichts erzwingen wollen! Abgebrochener Linksausdreher kommt schlecht!

Also, wir gehen auf Tutti: Das Loch sitzt wirklich schön zentrisch, wir bohren aus mit dem Kerndurchmesser.

Danach lassen sich die alten Gewindegänge wie eine Feder oder ein Heli-Coil aus der Bohrung puhlen. Als wir allerdings sehr tief im Loch ankommen wird der Widerstand zu gross, die Wendel reisst ab. Was ich das nächste Mal machen würde: Kleinen Dorn in die Bohrung, auf den die Wendel aufgewickelt wird. So kriegt man sie Radial nach innen aus den Gewindegängen, ohne stark axial ziehen zu müssen.

Macht nichts, mindestens zehn Gewindegänge sind frei; genug, um den Gewindeschneider sauber anzusetzen und auch gegen den Widerstand von Stahl im Alu sauber zu führen. Also Gewindeschneider angesetzt, auch den wieder von hinten mit der Zentrierspitze gerichtet, und Gewinde nachgeschnitten.

PUH! Die Nabe hat wieder vier gängige Gewindebohrungen! Vier Inbusschrauben M8 x 30 Festigkeitsklasse 12.9 bekomme ich auch gleich mit.

Als ich ihn nach dem Preis frage, meint er 20 Fr. (ca. 12€) und ein Bier. Da ich in etwa weiss, wie so eine Maschinenstunde normalerweise verrechnet wird, gebe ich ihm einen fünfziger. Das hätte mich eine neue Felge off eBay allemal gekostet, bis sie bei mir gewesen wäre. Ganz zu schweigen von der GS-losen Zeit. (Dafür habe ich noch ein Bier bei ihm gut; auch schön.)

Und vor allem: EIN DICKES DANKESCHÖN.


Gepostet, um denen Mut zu machen, die vor einem ähnlichen Problem stehen. Es geht, richtiges Werkzeug und Vorgehen vorausgesetzt.

Tobios 01.08.2006 13:04:13

Muss ich mir mal merken, arbeite ja auch bei einem Maschinenbauer. Ich guck am besten schonmal nach 12.9er Schrauben. Meine Bremsscheiben dürften bald wohl auch dran sein!

DR.BOOM 01.08.2006 13:29:07

Zitat:

Habe alle Schrauben mit dem Gasbrenner kräftig erhitzt...
Eine Schraube, die bloss vom Widerstand von bereits gelöstem Sicherungskleber überfordert ist,
ist mindestens eine Festigkeitsklasse zu niedrig gewählt.
durch zu starkes erhitzen änderst du das Gefüge und somit die Festigkeit
der Schraube, daher braucht man sich nicht wundern, wenn die Schraube
anschliessend evtl. abreisst.
Man darf es also mit dem erhitzen nicht übertreiben.

Ansonsten Glückwunsch, hast ja nochmal Schwein gehabt.

Michi der Holzwurm 01.08.2006 21:01:41

ich hatte bei mir das glück, das nur der kopf ab war und das gewinde ne stück hat raus schaut!!! stumpf ne andere schraube drauf geschweist und raus gedreht!!!

Curler 01.08.2006 21:27:52

Da habe ich auch noch meinen Senf dazuzugeben:

Den Bremsscheibenwechsel hinten habe ich vor einigen Wochen hinter mich gebracht. Zum Glück hatte ich eine gebrauchte Felge mit fast neuer Scheibe günstig hier übers Forum bekommen, hatte also erstmal eine Felge zum üben. Kaputt gehen konnte da nix, ich musste schliesslich nur die Scheibe abbekommen...das geht schon irgendwie...

2 der 4 Schrauben sind - wie bei Dir - nach einer halben Umdrehung abgerissen. Obwohl ich schön warm gemacht hatte mit sonem Baumarktfön. Nach ein wenig Nachdenken... :roll: und eine rauchen... :smoker2:

Falsch: schön warmmachen...rausdrehen !
Richtig: schön warmmachen...mind. handwarm abkühlen lassen...rausdrehen !

Warum: :hammer: durch die Hitze dehnt sich das Material aus und sprengt die Sicherung weg. Wenns noch warm ist, hat sich das Material aber noch nicht wieder zusammengezogen. Dann geht das rausdrehen umso schwieriger. Ausserdem wird das Material weicher, wie schon beschrieben.
Dadurch ist ein Abreißen vorprogrammiert.

Der Irrglauben, dem ich fast erlegen war, ist eine flüssige Schraubensicherung. Die verflüssigt sich natürlich nicht, wenn sie warm wird. Sieht man ja auch an den Bröseln, die da nachher rauskommen.

Fazit: nach einmal richtig Denken klappte es dann auch mit den anderen beiden Schrauben...und mit den 4 auf meiner Felge. Ohne Verluste. Und schon geht´w weiter auf dem Möp... :moped:



Übrigens: in der Werkstatt haben die so ein flüssiges Zeug, was das Loctite wegbrennt, da kann man die Schrauben einfach so rausdrehen. Prinzip ist dasselbe.

Titan 01.08.2006 22:14:42

Hmm... Das mit dem wieder abkühlen lassen kann ich so nicht bestätigen. Als wir meine Bremsscheibe gewechselt haben, gingen die Schrauben nur zu lösen, wenn die ganze Zeit "geföhnt" wurde. Nach dem Wegnehmen vom Heißluftföhn waren die quasi sofort wieder fest...

MarkusN 01.08.2006 23:35:01

Also die waren schon wieder abgekühlt. Nach dem Heizen vergingen vielleicht fünf Minuten.

Ich frage mich sowieso, ob das mit dem Heizen nicht eher zum Nerven Beruhigen ist. Die Schrauben sind ja elend lang (25 mm tragende Gewindelänge bei M8), ob man da die Hitze im massiven Alu überhaupt bis hinten bekommt, ist fraglich.

Dr. Boom, zur Gefügeveränderung: Das sind ja vergütete Schrauben, die sind auf sicher 250°C angelassen, wenn nicht noch heisser. Darüber habe ich bestimmt nicht geheizt. Sind ja eben rundherum schön mit Kühlrippen versehen (Scheibe, Nabe). "Wechgeglüht" habe ich sie sicher nicht.

01.08.2006 23:51:31

Also als ich meine Vorderradbremsscheibe gewechselt hab, hab ich überhaupt nichts heiß gemacht oder so. Die Schrauben saßen zwar fest, aber mit nem Drehmomentschlüssel konnte man sie doch ganz gut losdrehen ohne das irgendwas abgerissen ist.

Also normalerweise ist das so, dass wenn man Stahl erhitzt und wieder abkühlt, die Festigkeit erhöht wird, aber der Werkstoff dadurch Spröder wird, als schneller bricht. Man müsste das dann nochmal Anlassen damit der Werkstoff wieder zäh genug wird und nicht schnell bricht.

Hier auch noch die entsprechenden sehr hilfreichen Wikipedia Artikel


Vergüten:

http://de.wikipedia.org/wiki/Verg%C3%BCten


Anlassen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Anlassen


Härten:

http://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A4rten_%28Stahl%29

MarkusN 01.08.2006 23:55:04

Also um Stahl zu verspröden (Martensit-Gefüge) muss er erst mal glühen. Und dann abgeschreckt werden. Bei den Temperaturen die mit der Lötlampe eingebaut erreicht werden, kommen allenfalls Anlasseffekte zustande.

ricky2000 02.08.2006 11:50:03

Zitat:

Zitat von DR.BOOM
Zitat:

Habe alle Schrauben mit dem Gasbrenner kräftig erhitzt...
Eine Schraube, die bloss vom Widerstand von bereits gelöstem Sicherungskleber überfordert ist,
ist mindestens eine Festigkeitsklasse zu niedrig gewählt.
durch zu starkes erhitzen änderst du das Gefüge und somit die Festigkeit
der Schraube, daher braucht man sich nicht wundern, wenn die Schraube
anschliessend evtl. abreisst.

Naja, die Gefügeänderung von Stahl findet erst bei (je nach Legierung) über 700°C statt, da wäre schon längst der Lack von der Felge "geflossen" und ausserdem finge die Felge gerade an zu schmelzen :D.
Es geht ja hauptsächlich darum, den Kleber anzuschmelzen und etwas Ausdehnung zu machen.

MarkusN 02.08.2006 12:36:43

Zitat:

Zitat von ricky2000
Es geht ja hauptsächlich darum, den Kleber anzuschmelzen und etwas Ausdehnung zu machen.

Das blöde mit Loctite ist ja, dass Du den nicht schmelzen kannst. thermisch zersetzen, ja, aber das blöde Bröselpulver beibt eben und macht das Gewinde Schwergängign. Ist aber irgendwie doch noch einfacher, als wenn man den Kleber ständig über Schmelztemperatur halten müsste.

Aber:
Zitat:

Zitat von Curler
Übrigens: in der Werkstatt haben die so ein flüssiges Zeug, was das Loctite wegbrennt, da kann man die Schrauben einfach so rausdrehen. Prinzip ist dasselbe.

Das intressiert mich jetzt. Wäre natürlich viel einfacher.

*Mal suchen geht*

[edit]Auf Seite 3 bei Google endlich etwas konkretes: Acetonitril. WTF? Jedenfalls nichts gängiges. Aber die Kleberhersteller haben eigentlich alle einen Debonder im Angebot.

MarkusN 02.08.2006 15:45:51

Zitat:

Zitat von Kay73
zudem: Nee, die war nicht schon ne halb gelöst. Die halbe Umdrehung hast Du sie bereits verdreht!

Hab so meine Zweifel, ob eine vergütete Schraube sich soweit platisch verformt. Ist aber auch egal.

Zitat:

Zitat von Kay73
auch neugierig auf das Werkstattzeug...

Z.B. hier. Komischerweise finde ich das Zeugs auf Deutsch nur im Modellbau (und Nail Studio...) -Bedarf.

Curler 02.08.2006 19:44:49

Zitat:

Zitat von Kay73
Kay73, auch neugierig auf das Werkstattzeug...

Ein Kumpel ist Zweiradmechaniker und arbeitet bei einer bekannten Werkstatt bei mir.

Der hat mir zugesagt, mir sowas zu besorgen, kann aber ein paar Wochen dauern.

Ich sag dann bescheid, was das ist.

Herzog 03.08.2006 06:48:08

Mal ne andere Frage, können diese Floater
http://cgi.ebay.de/Bremsscheibe-Floater ... dZViewItem
auch die Schrauben ersetzen oder wo kommen die sonst hin?

MarkusN 03.08.2006 08:01:20

Floater sind die Nieten, die eine schwimmende Bremsscheibe auf dem Stern halten. Schau dir mal deine vorder Bremsscheibe an, dann siehst Du, was ich meine.

Floater deshalb, weil sie etwas seitliche Beweglichkeit zulassen müssen.

Als direkte Antwort auf Deine Frage: Nein, kein Ersatz für die Befestigungsschraube.

GS-Noob 03.08.2006 18:39:21

nochmal zum thema erhitzen, warum eigentlich imer die schrauben erhitzen?
wwenn die sich ausdehnen klemmen sie doch noch mehr, ich würd spontan eher das material um die schraubewarm machen

GS-Noob 03.08.2006 18:43:11

wenns hilft


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